Leserbrief zum Artikel "Natur und Natürlichkeit", BBV vom 10. Dezember
Da wundern sich die 400 versammelten Landwirte auf dem Verbandstag des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Borken über die zunehmende Kritik an der konventionellen Landwirtschaft, an der Tierhaltung, den Futtermitteln und der
Geruchsbelästigung. Dies führte beim mehrmaligen Lesen des Artikels wiederum bei mir zu einer gewissen Verwunderung, angesichts einer nach meinem Dafürhalten etwas befremdenden Wahrnehmung. So wirbt beispielsweise einer der Referierenden Junglandwirte dafür, "die Verbraucher über unsere liebevolle Tierhaltung zu informieren". Ich frage mich, was daran liebevoll ist, wenn Kälber nicht gemeinsam mit ihren Müttern aufwachsen dürfen und stattdessen in Turbogeschwindigkeit gemästet werden. Oder wenn Masthähnchen in 30 bis 35 Tagen nach dem Schlüpfen ihr Schlachtgewicht erreichen müssen. Selbstverständlich in qualvoller Enge und unter dem Einsatz von Antibiotika
(96,4% alle Masthähnchen in NRW werden mit Antibiotika behandelt!). Oder wenn über 4000 Schweine auf einer Fläche in der Größe eines Fußballfeldes ihr kurzes Leben fristen müssen. Nein, das ist definitiv keine "liebevolle Tierhaltung". In diesen Formen konventioneller Landwirtschaft fehlt jegliche Achtung vor dem Mitgeschöpf Tier! Und in diesem Zusammenhang kann nicht von "Natürlichkeit" gesprochen werden, denn Massentierhaltung ist ein bedeutender
Klimakiller, führt zu Hunger in ärmeren Regionen der Welt und ist überdies auch ethisch keineswegs vertretbar. Die gequälten Kreaturen empfinden als hochentwickelte Tiere ähnlich wie wir Menschen. Darüber hinausgehend ist es ja
nicht nur die perverse Form der Massentierhaltung, die in immer weiteren Kreisen der Bevölkerung zu Kritik an der konventionellen Landwirtschaft führt. Auch die Monokulturen sind es, die verdeutlichen, dass die einstige bäuerliche Naturverbundenheit zugunsten einer hocheffizienten Agraindustrie aufgegeben wurde. Während früher die kleinen,
übersichtlichen Höfe unter Berücksichtigung der Gesetzmäßigkeiten der Natur von allem etwas produzierten und ein persönlicher, häufig liebevoller Bezug zum Tier, zur Pflanze, zum Lebensmittel bestand, versuchen gegenwärtig die "modernen" Agraindustriellen immer mehr aus dem Boden und dem Tier zu holen. Zweifelsohne trifft es besonders die Bauern und Landwirte, wenn die Konsumenten nach günstigen, um nicht zu sagen billigen Lebensmitteln, verlangen.
Doch dadurch, dass immer mehr Masse und immer weniger Klasse produziert wird, schafft man vielleicht kurzfristig
Profit, langfristig führt diese Entwicklung jedoch zu einem sich immer weiter fortsetzenden Höfesterben. Nur die Großen werden überlegen - eine Entwicklung die sich auch Dank der völlig skurrilen Subventionspolitik Brüssels weiter verschärft.
Um wieder mehr Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen, ist es ein erster Schritt wieder mehr tatsächliche Natürlichkeit auf die Höfe und die Flächen zurückzubringen. Naturverbundene Bauern legen Lerchenfenster auf den Feldern an, und sie pflanzen an den Ackerrändern wieder Hecken und Bäume. In diesen können Vögel nisten, die zu einer natürlichen Schädlingsbekämpfung beitragen. Sie spritzen weniger (am besten gar keine!) Pestizide und lassen sich wieder auf den Kreislauf des Lebens ein. Ihre Nutztiere stehen wieder auf den Weiden und nicht auf engstem Raum unter künstlichem Licht.
Übrigens: Dass die Bauern die Brachvögel für nicht existent halten, könnte vielleicht auch daran liegen, dass sie die sensiblen Vögel mit ihren immer größer werdenden Zugmaschinen und Geräten vertrieben haben. Doch da, wo Landwirtschaft noch Rücksicht auf wild lebende Tiere (und Pflanzen) nimmt, gibt es sie noch.
Michael Kempkes
Isselburg
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